Bing Wests Counterinsurgency-Lektionen

Zur Abwechslung mal ein paar Lessons Learned zur Beteiligung an Bürgerkriegen auf Regierungsseite – etwas das in Gestalt des Afghanistan-Einsatzes ja mehr als zehn Jahre für Deutschland „aktuell“ war, und jetzt anscheinend nur zu bereitwillig „abgeschlossen“ (und verdrängt) wird.

Bing West ist unter anderem der Autor des lesenswert-zeitlosen Buches „The Village„, und mittlerweile Chronist des militärischen Aspekts dreier Bürgerkriege mit U.S.-Beteiligung (Vietnam, Irak, Afghanistan). Dabei ist er Verfechter eines „harten“, militärzentrierten Counterinsurgency-Vorgehens (was er auch nochmal in diesem Video auf den Punkt bringt), und als ehemaliges Mitglied der Reagan-Verwaltung sicherlich kein Linker.  Trotz all seiner Kritik an „nicht-kinetischer“ Aufstandsbekämpfung ist es erstaunlich, wieviele Überschneidungen es dennoch mit „soften“, eher politikorientierten Counterinsurgency-Theoretikern wie Kilcullen gibt.

Aus deutscher Perspektive ist vor allem bemerkenswert, wie wenig sich davon im deutschen Vorgehen in Afghanistan widerspiegelt. Und da gerade angesichts der deutschen Reduzierung des Afghanistan-Engagements munter an Legenden und Schuldzuweisungen gebastelt wird, insbesondere dass „militärisch alles richtig gemacht wurde“ und „eine Lösung nur politisch sein kann“, hier mal ohne weitere Kommentare eine ernstzunehmende und  erfrischend andere Meinung:

Bing Wests Counterinsurgency-Lektionen

(aus „The Wrong War“, angepaßt aus „The Strongest Tribe“)

  1. Partnere immer. Kämpfe nicht jemand anderes Schlachten für ihn. Das Ziel von U.S.-Einheiten und Beraterteams ist es Sicherheitskräfte aufzubauen – Armee und Polizei. Wenn eine U.S.-Einheit nicht mit einer einheimischen Einheit kombiniert wird kann sie keinen Erfolg haben.
  2. Feuere Inkompetente. Amerikaner sind dort, weil die Gastgebernation gescheitert ist. Bestehe auf einen Mechanismus um jene zu entlassen die scheitern. Souveränität sollte nicht Versagen decken.
  3. Agiere als Polizei. Der Kern ist die Aufständischen zu identifizieren, nicht ihre politischen Kümmernisse zu beseitigen. „Gute Regierungsführung“ herzustellen ist keine Aufgabe des U.S.-Militärs. Das U.S.-Militär hat grundlegende Polizei-Metriken und -Methoden vernachlässigt. Es ist töricht einen Aufstand zu bekämpfen, ohne einen Zensus durchzuführen oder biometrische Hilfsmittel einzusetzen. Wenn Fußpatrouillen der örtlichen Polizei mehr als 4 Mann brauchen ist das Gebiet nicht gesäubert. Wenn man keinen zuversichtlichen, kompetenten Polizeichef hat wird das Gebiet nicht gehalten.
  4. Sei aggressiv. Eine Einheit oder ein Beraterteam muss ein Vorbild darstellen und die meiste Zeit außerhalb des Lagers verbringen. Eigensicherung ist keine Mission. Das Ziel das Aus-dem-Verkehr-Ziehen (töten oder gefangennehmen) von mehr als 50% der Täter von Gewaltverbrechen – Schießerein, Bombenanschläge, Entführungen, etc. Der Aufständische muss wissen dass er geschnappt werden wird.
  5. Kein Festsetzen und Laufenlassen. Bestehe auf einem Gefängnis-System, dass auf gesundem Menschenverstand statt auf demokratischen Ideal basiert. Es ist verrückt Aufständische festzunehmen und dann wenige Monate später wieder laufenzulassen.
  6. Besteche. Das U.S.-Militär hat nicht die Sachkunde um eine Wirtschaft neu aufzubauen. Jedes Platoon und Beraterteam sollte ein monatliches Budget von einigen tausend Dollar zum Belohnen von Entgegenkommen und Informationen haben.
  7. Behandle jeden mit Respekt. Zuallererst, richte keinen Schaden an. Die Aufgabe – die Jahre dauern wird – ist es die Bevölkerung von den Aufständischen zu trennen, und nicht sich wie ein Schläger zu verhalten und für die Aufständischen zu werben. Wenn du jemanden daheim nicht rumschubsen würdest, dann tu das auch nirgendwo sonst. „Kein besserer Freund“ kommt vor „Kein schlimmerer Feind“.
  8. Mauern wirken. „Gated communities“ – Mauern, Betonsperren, etc. – behindern zwar stark den Handel, aber sie erschweren auch das Einsickern von Attentätern.
  9. Bekämpfe die Spitze. In Irak und Afghanistan, wie in Vietnam, waren die hochrangigsten Amtsinhaber auch jene, die sich am meisten gegen Veränderung gesträubt haben. Die Führungsebenen der U.S.-Regierung haben es versäumt konkrete Hebel zum erzwingen von Veränderung zu etablieren, insbesondere um Korruption auf Minister-Ebene auszurotten. Wenn Souveränität dazu dient massiv Korruption, Aufwiegelung und die Kriegsanstrengungen untergrabende Widerspenstigkeit zu decken, dann sollten amerikanische Soldaten nicht in den Einsatz geschickt werden.
  10. Eine zersplitterte Gesellschaft wird nicht der stärkste Stamm bleiben. Auf die Gesamt-Gesellschaft bezogen sind Amerikas kriegerische Tugenden – Geduld, Opferbereitschaft und Einigkeit – im Rückgang begriffen. Keine Nation kann diese Aspekte bewahren, indem sie behauptet den Soldaten zu unterstützen während sie gleichzeitig seiner Mission ablehnend gegenübersteht.
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