Ukraine: Der Schiefergas-Strohmann

Bei Diskussionen zum Thema Ukraine kommt es immer wieder vor, dass der Sturz von Viktor Yanukovych mit Rohstoffinteressen von US-Firmen begründet wird.

Hunter Biden und Burisma Holding

Ein anschlauliches Beispiel ist etwa:

Allerdings läßt sich auch nicht leugnen, daß mehrere große Ölmultis schon große Beute in der Ukraine gewittert hatten. Und dabei – ich sage es mal vorsichtig – von Personen aus dem Umfeld der US-Regierung weidlich unterstützt wurden (Stichwort: Hunter Biden & Co.).

Hunter Biden, Sohn des gleichnamigen republikanischen Ex-Außenministers, wurde im April 2014 Direktor bei Burisma Holdings. Nur ist Burisma Holdings bereits ab 2009 massiv gewachsen ist, das war sogar noch vor Herrn Yanukovychs offizieller Amtszeit, auch wenn die den großteil der Boomzeit ausmacht. (Auch wenn die Inhaberschaften undurchsichtig sind, ein großer Player scheint wohl Herrn Yanukovychs Energieminster, Herr Slotshevski, gewesen zu sein. Die Deutsche Welle hatte mal versucht das aufzudröseln.) Seltsamerweise sind Amerikaner im Board of Directors (neben politisch vernetzten Polen und Briten) auch unter Herrn Yanukovych die Regel; der Investmentbanker Herr Apter wurde 2013 ausdrücklich mit dem Anspruch ins Boot geholt die Firmenpolitik aufzupolieren und neue Investoren anzuwerben.

Warum die Absetzung Herrn Yanukovychs im Interesse von Burisma Holding, oder anderen Rohstoff-Unternehmen, hätte sein sollen bleibt offen.

Schiefergas bei Slaviansk

Ukrainische Schiefergasvorkommen laut GosgeonedraLangezeit ein Dauerbrenner auf deutschen Links-Außen-Seiten waren in Suchen Ukraine die Schiefergas-Vorhaben des Rohstoffmultis Shell. Dumm nur, dass die Verträge schon unter Herrn Yanukovych geschlossen wurden. Wer genauer hinschaut wird feststellen, dass Shell 2013 schon Probleme mit der Rentabilität von Schiefergas in den USA hatte, und wohl auf die Schiefergasvorkommen in der Ost-Ukraine nicht den Erwartungen entsprachen. Zum Einlesen empfiehlt sich etwa folgender Artikel des CSM: „Ukraine crisis: Why Shell put shale projects on hold“.

Reserven im Schwarzen Meer

Ukrainische Rohstofffelder im Schwarzen Meer laut NaftogazNoch lustiger wird es, wenn man die Schwarzmeer-Reserven einbezieht.

Irgendwie seltsam, wie gerade deutsche Links-Außen-Seiten die deutlich substantielleren Schwarzmeer-Reserven ausblenden, die ja jetzt unter russischer Kontrolle sind. Aber sich am Randthema Fracking endlos abarbeiten können. Ein Schelm wer böses dabei denkt…

Gerade hinsichtlich der Schwarzmeer-Reserven gab es bereits unter Herrn Yanukovych einige weit fortgeschrittene Verhandlungen mit US-Firmen zur Erschliessung. Die sind mit der russischen Besetzung der Krim natürlich hinfällig sind. (Ein Link unter vielen: Bloomberg: „Losing Crimea Could Sink Ukraine’s Offshore Oil and Gas Hopes“).

Aber Krieg um Rohstoffe führen ja nur die Amerikaner…

Lese-Empfehlung:

– Noch ein paar mehr Details, übersichtlich zusammengestellt, hat es im Artikel „Rothschild, Russia and Why Everyone Is Getting Upset About Crimea“ auf The Oligarch Kings. Die im Post verwendeten Grafiken wurden von dort übernommen.

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Von Trollen, Moderation und begrenzten Ressourcen

Trollface

U MAD BRO? PROBLEM?

Eigentlich regelmäßig kommt es vor, dass auf einer Online-Diskussionsplattform moderiert wird. Und nicht selten wird daraufhin „Zensur!“ gerufen. Das wesentliche wurde dazu schon gesagt, etwa von Florian Freistetter in ‚Gelöschte Kommentare sind keine Zensur: Was ist “Meinungsfreiheit”?‘ – samt dem zugehörigen xkcd-Comic.

Trotzdem gibt es aufrichtig wohlmeinende Menschen, welche die Ansicht vertreten, dass obiges zwar die juristische Seite sei, aber es einen moralischen Imperativ gebe freiheitlich zu handeln und keine Meinung zu unterdrücken. An der Stelle wird dann auch gerne auf das Zitat „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“ verwiesen. Oder darauf, dass das Unterdrücken von Meinung doch ein totalitäres Phänomen sei, von dem man sich in einer freiheitlichen Demokratie distanzieren sollte (sei es aus moralischem Prinzip, oder um Meinungsinzest und damit selbstgefällig-elfenbeinturmartige Realitätsferne zu vermeiden).

Diese Ansichten kann man nachvollziehen auf einer theoretischen Ebene durchaus wertschätzen. Trotzdem sind sie letztlich naiv, weil sie wesentliche Dynamiken außer acht lassen. Der Kern des Problems liegt beim Sozialverhalten, nicht der Meinung.

Das Internet ist nicht fair

So wird davon ausgegangen, dass jeder friedlich und konstruktiv diskutieren will. Die Existenz destruktiver Teilnehmer (Trolle, Spammer, …) und unkonstruktiver Teilnahme (Selbstdarstellen, Nichtssagen, Totdiskutieren, Rumempören, wildes OT …) wird außer acht gelassen.

Und ja, dazu gehören klassischerweise auch Teilnehmer, die eine gutgehende Plattform ungefragt mit ihrem selbstdarstellerischen, dauerempörten OT zuspammen, nicht zuletzt weil ihnen anderswo keiner zuhören würde.

Auch sonst ist das „Kräfteverhältnis“ ungleich: Wer viel online ist und Zeit hat kann Diskussionen besser beeinflussen als jemand, der nur abends ein kleines Zeitfenster zur Verfügung hat. Wer einfach nur Behauptungen aufstellt kann schneller reagieren und mehr Volumen produzieren als ein Diskussionsteilnehmer, der recherchiert und Quellen raussucht.

Oder anders ausgedrückt: Es ist online unheimlich leicht Lärm zu machen.

Moderation ist nicht Zensur

Von daher ist auch Moderation was ganz anderes als Zensur: Ziel ist es eben, dass nicht einige besonders Schrille/Lautstarke alles dominieren, und dass eben ausgewogenes und zielführendes Diskutieren überhaupt möglich wird.

 Laberecken vs. produktive Gruppen

Ein nicht zu vernachlässigender Aspekt die Erwartungshaltung und das bisher investierte Engagement. Wenn Diskussionsplattform nur als Laberecke herhalten soll, frei nach dem Motto „schön dass wir mal drüber geredet haben“, dann läßt es sich auch vergleichsweise leicht verschmerzen wenn das Niveau in den Keller geht und das Signal-zu-Rauschen-Verhältnis abnimmt. Nimmt ja eh niemand ernst, und gr0ß Energie reinstecken tut auch kaum jemand. Ein paar Wortgefechte als Fingerübung, mit den Bekannte ein paar Scherze ausgetauscht, vielleicht auch einfach mal Dampf abgelasen – fertig. Den Drang danach kennt glaub jeder hier.

Das ändert sich aber recht schnell, sobald es in den Augen mancher/vieler darum geht Ergebnisse zu erzielen. Denn wenn Leute Zeit und Aufwand in eine Richtung investieren, dann wollen sie auch mal (Zwischen-)Ergebnisse erreichen. Und sei es nur ein gemeinsamer Wissensgewinn, der die investierte Zeit wert ist. Leute die ohne Sinn und Rücksichtnahme nur ihre Meinung ventilieren wollen stören dann schnell. Und die Aussicht, wieder bei Null anfangen zu können, sorgt für realen Frust.

Etwa wenn ständig immer wer neues (oder gar altes) versucht die Basics zu demontieren, obwohl man doch endlich eins der etwas tiefergehenden Themen ausdiskutieren würde. Wobei „tiefergehend“ in vielen Online-Plattformen eh recht relativ ist – oft reicht schon ein wenig Zuhören um „auf Stand“ zu kommen oder sich wenigstens an der herrschenden Etikette orientieren zu können. Trotzdem gibt es immer wieder Leute, denen selbst das zuviel zu sein scheint.

 Signal to Noise

Was aber, wenn die „Störgeräusche“ so stark werden, dass auf einer Diskussionplattform gar nicht mehr vernünftig diskutiert werden kann. Wenn „arbeiten“ unmöglich wird? Wenn beispielsweise 10% der Nutzer 90% des Traffics verursachen, und der bei den restlichen 90% nur noch zu Frust führt? (Und ja, ich denke da an die Syrien- und Ukraine-Diskussionen auf Augengeradeaus. Da hätte die Community tatsächlich durch die Informationsaufbereitung einen gesellschaftlichen Mehrwert generieren können. Stattdessen haben einige wenige lautstarke Nutzer mit mutwillig kruder Logik, viel Ideologie und wilden Behauptungen die Diskussion dominiert. Ideologieschleuder statt Smartmob?)

 Lastenverteilung: Einer ist immer der Depp?

Der Staat ist für solche Fälle gut aufgestellt: Der hat einen umfassenden Kodex an Regeln, prüft Verstöße von Fall zu Fall und hat Kräfte um die Einhaltung durchzusetzen. (Und selbst da sind es nie genug, aber das ist eine andere Sache.)

Ein Forum, oder gar ein Blog, hat diesen Luxus nicht. Gerade bei Blogs ist derjenige, der eh die meiste Arbeit reinsteckt, meist auch noch derjenige, der sich das Moderieren ans Bein bindet. Fair ist das nicht. Und letztlich ist es auch eine Zwickmühle:

Wird nicht moderiert, dann verkommt die Kommentarspalte womöglich zum Multiplikator für Trolle und irrlichternde Deppen. Besonders bitter für Blogs mit dem Anspruch zu informieren: Anstatt das die Kommentarsektion das Wissen mehrt, hilft auf einmal die Bekanntheit des Blogs beim verbreiten irgendwelchen Blödsinn (letztlich zu Lasten des Blogbetreibers – er hat den Schaden, und die Trolle und Deppen ziehen weiter zur nächsten Spielwiese).

Wird moderiert, dann trägt einer die Kosten (Zeit, Nerven,… ) für den Mehrwehrt der anderen. Denn machen wir uns nichts vor: Forenmoderator ist nichts was Geld oder Einfluss bringt. Davon kann niemand leben. Entsprechend sind die Opportunitätskosten für den Betrieb eines wohlmoderierten oder gar teilnehmernahen Forums hoch. Denn während der Zeit die fürs Moderieren draufgeht wird eben weder Geld verdient, noch regeneriert. Vom Stress und Frust aufgrund des Gegenwinds ganz abgesehen (dem „Warum tu ich mir das eigentlich an?“). Meine Erfahrung aus der Vereinsmeierei ist, dass „Verantwortliche“/“Moderatoren“, denen es nicht um Karriere/Status geht, oft nach 1-2 Jahre ausgebrannt sind und eine Pause brauchen – vor allem wenn sie kein Team hinter sich haben, das tatsächlich Verantwortung übernimmt.

Der harte Schnitt

Letztlich stellt sich auch die Frage: Was tun wenn die Resourcen irgendwann nicht mehr ausreichen? Wenn mehr Kindergärtner nicht drin ist, und der Lärmpegel trotzdem weiter steigt?

Die Regeln vereinfachen und vor allem leichter durchsetzbar machen („Kein OT, wer dagegen verstößt wird verwarnt und dann gebannt“, „Moderation nur noch nach Meldung durch die Teilnehmer“)?

Leute die wie Randgruppen-Polemiker auftreten gleich rauswerfen?

Die Kommentarsektion einstellen (weil eher Kostenfaktor und Herzensangelenheit denn Einnahmequelle)?

Zusätzliche Moderatorenstellen besetzen?

Die Diskussionplattform mit anderen Bloggern als Gemeinschaftsprojekt aufziehen (und den damit verbundenen Aufwand auf mehr Schultern verteilen)?

Russland und die Gaskosten in Deutschland

Auch weil es in manchen Diskussionen angeschnitten wurde: Bei der Gaspreisdebatte geht es nicht umd die Stromerzeugung.

Gas spielt im deutschen Strommix keine allzugroße Rolle. Nicht zuletzt weil Frau Merkel stark den Kohlestrom subventioniert, und der Spitzenstrom in Deutschland wesentlich durch erneuerbare Energieträger gedeckt wird. Der Anteil des Stroms aus Gas liegt bei 11%. Die Stromerzeugung selbst macht an den Stromkosten gerade mal 34,4% aus.
(Worst Case Abschätzung: Selbst für den unrealistischen Fall, dass der Gas-Strom durch einen viermal so teuren Ersatz ersetzt werden würde, würde das den Strompreis gerade mal um 10% erhöhen.)

Wo Gas halt eine wesentliche Rolle spielt ist bei den Heizkosten. In Deutschland heizen 49,2% der Haushalte mit Gas. Ein Preisanstieg wird also von vielen Bürgern bemerkt werden, und ist daher innenpolitisch riskant. Allerdings machen die Heizkosten bei Erdgas im Schnitt gerade mal 65€ im Monat aus, bei einem durchschnittlichen Haushaltseinkommen von 2965€ wär das ein Anteil von 2,2%.

In der Industrie machen die Energiekosten insgesamt 2% der Bruttoproduktionskosten aus.

Nur mal zum Vergleich: In der Ukraine stieg der Gaspreis von 50$/1000m³ in 2005 auf 426$/1000m³ in 2012. 65€ Heizkosten sind bei einem Brutto-Durchschnittseinkommen von 306€ schon ne ganz andere Hausnummer.

Ukraine-Invasion: Eine europäisch-russische Machtabwägung

Militärische Ängste Russlands sind nicht die Ursache des Konflikts

Immer wieder sehen Kommentatoren das Verhältnis Moskaus zur Nato als Grund für die russische Invasion der Ukraine.

Eine Nähe zur Nato war doch für die Ukraine bis zur russischen Invasion gar kein Thema und hatte auch keine Mehrheit in der Bevölkerung.

Die Pachtverträge mit Russland scheinen zwar außerhalb der Krim unbeliebt, wurden aber trotzdem gerade erst bis 2042 verlängert.

Problem: Moskau hat nichts zu bieten, will aber Einfluss nach Zarenart

Thomas Wiegold von Augengeradeaus hat da auf einen guten Artikel des vom polnischen Staat finanzierten Zentrums für östliche Studien verwiesen: Russia’s strategy in the Ukrainian crisis. Besonders schön, dass nicht von “dem“ Ziel Putins ausgegangen wird, sondern die Dynamik des Ganzen aufgezeigt wird.

Eine der Kernthesen ist, dass es es eben nicht so sehr um einzelne Zielsetzungen geht geht (Nato-Osterweiterung verhindern, Sewastopol als Hafen der Schwarzmeerflotte sichern, etc.). Sondern dass das “westliche Europa” (Werte, Bündnisse, Wirtschaftsraum) derzeit eine deutlich stärkere Strahlkraft hat. Auch ohne das gezielte Zutun westlicher Staatschefs. Putin sieht in dieser Dynamik eine Gefahr für das russische “Imperium”, in dem Moskau eine Einflusszone aus Nachbarstaaten kontrolliert.

Von daher dürfte in diesem Fall das Freihandelsabkommen mit der EU deutlich entscheidender gewesen sein als irgendwelche militärischen Aspekte, eben weil damit ein Beitritt in die Eurasische Union nicht mehr möglich gewesen wäre.

Man sollte an der Stelle wirklich zur Kenntnis nehmen, dass es eine Dynamik gibt, die gegen gegen ein “russisches Imperium” arbeitet. Nicht zuletzt, weil Russland außer Rohstoffrabatten nichts anzubieten hat. (Das ist jetzt auch nicht so neu – Großbritannien und Frankreich mussten diese Erfahrung auch machen.)

Die Absetzung des von Russland gestützten ukrainischen Präsidenten Yanukovych hat diese Dynamik nur nochmal deutlich gemacht. Und vielleicht auch nochmal verstärkt. Was wir jetzt sehen ist Putins hastiges Gegensteuern. Es geht eben vor allem darum, den Einfluss Moskaus auf die “russische Einflussspähe” zu demonstrieren – und sie so zu erhalten zu versuchen. Vermutlich vergeblich.

Man sollte sich klar sein, dass der jetztige Zustand nicht stabil ist, sondern dass die Dynamiken gegen den Status Quo arbeiten. Und da seh ich zwischen der “Gemeinschaft gleichberechtigter Staaten” und einer “Einflusssphäre unter Kontrolle Moskaus” auch nicht wirklich einen gemeinsamen Nenner. Russland ist eben “nur noch ein Staat”.

1 Russland = 2 Deutschlands

Wenn man Russlands tatsächliches Gewicht abschätzen wollte, dann käme man wohl mit etwas Wohlwollen auf etwa “2 Deutschlands”: doppelte Einwohnerzahl, 2/3 des GDP, 5/3 des Staatshaushalts – davon die Hälfte durch Erlöse aus Erdöl und Erdgas.

Damit wäre Russland in jedem Bündnis ein wichtiger Partner. Aber ein Imperium unterhalten läßt sich damit nicht. Welchen Vorteil hätten denn die Menschen in den Anrainerstaaten durch eine Vorherrschaft Moskaus in ihrem Land? Keine.
Da ist das Setzen Moskaus auf Autokraten und Autokratie auch kein Zufall, sondern Teil des Systems.

Wieviel Pathologie des Kremls kann die Welt vertragen?

Dieses Delta zwischen russischem Anspruch und russichem Angebot an die Menschen in den Nachbarstaaten ist doch der Kern des Problems.
Da stellt sich eben schon die Frage, wie sehr die Welt auf diese krankhafte Wahrnehmung Rücksicht nehmen muss oder überhaupt Rücksicht nehmen kann.

Dass Russland den Bevölkerungen anderer Länder das Militär auf den Hals hetzt wenn sie Russlands Wünschen untreu werden ist kein hinnehmbarer Zustand und ein enormer Schaden für Stabilität und Ordnungspolitik. Moskau ist da ja mittlerweile Wiederholungstäter.

Von daher rechne ich da auch nicht mehr mit einer schnellen Einsicht. Ich sehe nicht wie sich da ohne Gegendruck eine Normalisierung der Lage erreichen lassen wird. (Letztlich ist die Russische Invasion in die Ukraine eben auch eine Folge des Appeasements angesichts des Kriegs gegen Georgien.)

Gegendruck

Eins der Kern-Dilemmata ist, dass Russland zwar nicht irrational agiert, aber gleichzeitig eine gestörte Wahrnehmung von sich und seinen Nachbarn hat.
Das andere ist, dass Russland zwar sehr aggressiv auftritt, aber gleichzeitig sehr fragil ist – auch gerade wirtschaftlich.

Das Problem dürfte nicht sein „Russland“ “wehzutun”. Oder mehr “wehzutun” als „Europa“ im Gegenzug “einstecken” muss. Das Ungleichgewicht der Kräfte ist so stark.

Was es hingegen nicht geben wird ist ein Machtkampf, bei dem eine der beide Seiten ohne Blessuren davonkommt. Dazu ist die gegenseitige Abhängigkeit zu stark – und eben deswegen sind gegenseitige Abhängigkeiten ja auch solche Stabilitätsanker. Gerade dieses “es könnte was kosten” scheint derzeit die wesentliche Leitlinie für das handeln der west- und mitteleuropäischen Regierungschefs zu sein. Von den geleakten britischen Notizen zur Sicherheitsratssitzung bis zum Nicht-Einfrieren von Waffenlieferungen an Russland gibt es da diverse Hinweise.

Was vielleicht auch eine Rollen spielen könnte, wäre den Schaden zu begrenzen. Schon der Einmarsch in die Ukraine selbst und die Diskussion in Moskau über das Verstaatlichen ausländischer Investitionen fügen der dortigen Wirtschaft enormen Schaden zu. Zuviel, und das Land könnte in eine Wirtschaftskrise stürzen, von der es sich so schnell nicht mehr erholt. Und da stellt sich wie immer die Frage, was man den Menschen in Russland zumuten will, nur um der Führung des Landes auf die Finger zu klopfen. (Ach wenn das oft nur ein Feigenblatt zu sein scheint, siehe Syrien, siehe Iran, siehe vorheriger Absatz.)

Es gibt keine Energieabhängigkeit

Immer wieder wird behauptet, die Ukraine sei von russischen Gaslieferungen abhängig. Hier liegt glaub ein Denkfehler beim Begriff “Energieabhängigkeit” vor. Die gibt es so nicht.

Es ist gerade nicht so, dass die Ukraine nur Gas von Gasprom beziehen könnte. Das Problem scheint eher zu sein, dass Energiekosten zu Weltmarktpreis angesichts der ukrainischen Wirtschaftsleistung für viele in der Ukraine teuer sind (bzw. der Anteil der Energiekosten am Einkommen im Vergleich zu anderen Ländern hoch ist). (Was zum Teil auch an der im Land üblichen Energieverschwendung liegt, aber das eher am Rand.)

Ohne Modernisierung wird sich daran aber auch nichts ändern, und seitens Russlands ist in der Hinsicht keine Initiative zu erhoffen. (Ganz davon ab, dass Gazprom ja erst die Preise für die Ukraine deutlich angehoben hatte, und jetzt nur kurzzeitig Rabatt anbietet. Eine Zusammenfassung dazu hat der Guardian.)

Die Zahlen, die ich auf die schnelle finden Konto:

  • Gazprom-Preis für Erdgas nach Deutschland: 480$ je 1000 m³
  • Gazprom-Preis für Erdgas nach Europa (Durchschnitt): $380 je 1000 m³ (und ja, das ist tatsächlich deutlich weniger)
  • Gazprom-Preis für Erdgas nach Ukraine: 400$ je 1000 m³, jetzt kurzfristig $268.50 je 1000 m³
  • Zum Vergleich: Gazprom-Preis für Erdgas nach Ukraine vor 2005: 50$ je 1000 m³

Die Ukraine hat einen Gasimport von 33 Mrd. m³, davon werden 26 Mrd. m³ von Rußland bedient. Wenn ich mich nicht irgendwo verrechnet hab entspricht der gewährte russische Preisnachlass verglichen mit dem europäischen Marktpreis also gerade mal 2,9 Mrd. $ bzw. 2,1 Mrd. € im Jahr.

Für die vermeintliche “Vorherherrschaft” über ein ganzes Land mit gut 45 Millionen Einwohnern ist das doch arg billig.

Nur so eine wilde Idee

Ein möglicher Ansatz wäre vielleicht ein Strafzoll auf russisches Erdöl und Erdgas nach Europa.
Die kontreteste Zahl für den Umfang an russischer Öl- und Gas-Lieferungen nach Europa, die ich finden konnte, ist 162 Mrd. €. Wie oben aufgeführt importiert die Ukraine Gas im Wert von irgendwas unter 10 Mrd. €.
Den Strafzoll auf russische Öl- und Gasimporte könnte man zweckgebunden dazu verwenden, den Öl- und Gaseinkauf der Ukraine zu subventionieren.

Die Vorteile wären
– ein solcher Strafzoll liesse sich fast beliebig lange aufrecherhalten
– dem russischen Einfluss auf die Ukraine würde dort entgegengewirkt wo er ausgeübt wird
– wenn der Strafzoll länger besteht, müßten russische Lieferanten entweder Gewinnabstriche machen und ihre Gaspreise nach unten anpassen, oder der Verlust an Marktanteilen wird sich beschleunigen.
– gerade die langfristigen Folgen für die europäische Wirtschaft wären daher sehr überschaubar
– eine klare Logik: Russland fügt sich mit seinem militärischen Vorgehen selbst Schaden zu, und hat es jederzeit in der Hand diesen Schaden abzuwenden.

Was andere so in den Ring werfen

Das Marine-Blog Seidlers Sicherheitspolitik schlägt eine Blockade des Bosporus vor. Mir erschließt sich zwar nicht ganz, warum ein militärischer Nato-Russland-Standoff am Bosporus weniger explosiv sein soll als in der Ukraine, auch gerade unter der Prämisse, dass Bosporus und Krim für die russische Schwarzmeerflotte gleich bedeutsam sind. Lass ich aber mal so stehen.

Das European Council on Foreign Relations hat einen Post How can the EU impose costs on Russia?: Kein „Business as usual“, etwa indem South Stream oder die Visa-Reform auf Eis gelegt werden. Persönliche Sanktionen gegen russische Abgeordnete, die für den Invasion gestimmt haben. Druck auf russische Anrainerstaaten aufbauen, damit diese sich eindeutig positionieren.

Das Sicherheitspolitik-Blog hat einen Artikel Ein zweites Yalta, der insbesondere eine unzweifelhafte Positionierung der EU-Staaten und eindeutige rote Linien fordert.

Tom Ricks schlägt auf Foreign Policy Anstrengungen gegen das mit Russland verbündete Regime Assad als Gegenzug vor. One good way to respond to Putin: Take the unexpected cushion shot in Syria